Ihr Bandprojekt Chicks On Speed verbindet Musik und Mode, Videokunst und Vorträge. Sie wird als Feministin gefeiert, aber weiß nicht, was das ist. Mit uns sprach sie über die Ambivalenz von Sex und die Kunst der Subversion.
Christopher Koch
Bekannt geworden ist Melissa Logan als ein Drittel der Elektroclash-Band Chicks On Speed.
Eigentlich hätte ich mir Melissa Logan durchgeknallter vorgestellt. Das in Hamburg residierende Drittel der Chicks On Speed - berühmt geworden als postmodern-feministisch-multimediale Elektroclash-Band - ist, na ja, halbwegs normal in bunt gemusterte Leggings und einen Kapuzensweater gekleidet, geschminkt nur mit dezentem schwarzen Lidstrich. Sie reicht mir zur Begrüßung vorbildlich deutsch die Hand und blättert mit kindlicher Freude in der Speisekarte ihres Lieblingschinesen, dem "Man Wah" am Spielbudenplatz, auf den Fingernägeln abgeblätterter pinker Lack. "Ich fahr nächste Woche nach Peking. Vielleicht sollte ich mich mit gesalzenen Hühnerfüßen einstimmen." Schließlich entscheidet sie sich aber doch für gedämpfte Reispastete und Tofutaschen mit Shrimps. Die Chicks On Speed sind längst ein international erfolgreiches Projekt und sowohl in der Sub- als auch der Mainstreamkultur etabliert. Mit ihrer wilden Mischung aus Kunst, Musik, Mode und Message avancierten sie bald zur Lieblingsband aller Postfeministinnen - als würdige Nachfolger der Riot Grrls, für die Gleichberechtigung vor allem wild und furchtlos sein muss.
Doch empfindet Logan ihre Band überhaupt als feministisch? "Klar sind wir Feministinnen, aber ich weiß gar nicht genau, was das ist", sagt die Malerin mit ihrem charmanten New Yorker Akzent. Die Feminismusfrage scheint sie mehr zu amüsieren als zu bedrücken. "Wir waren immer für eine Neudefinition." Sie empfiehlt als Lebenshaltung einen "lustigen Kritizismus" an allen Formen der Unterdrückung: "First: recognize. Second: Do something about it. Und Ironie ist dabei ein prima Mittel, um die Welt zu verändern." Die Chicks, betont sie, haben immer versucht, Mainstream-Mechanismen nicht zu boykottieren, sondern subversiv zu unterwandern. "Sexy Mode zum Beispiel war immer ein Zeichen von Emanzipation, von Coco Chanel bis Yves Saint Laurent, der die ersten Frauenanzüge entworfen hat. Aber wann gibt der offensive Umgang mit Sex einer Frau Macht, und wann wird sie dadurch zum Opfer?" Sagt's und piekst begeistert in die Reispastete. Solchen Fragen geht sie auch mit den "Girl Monster"-Partys nach. "Wir legen Musik von toughen Musikerinnen auf. Dazu zeigen wir Videokunst und feministische Vorträge." Nach dem Mittagessen macht sich Melissa Logan wieder auf in ihr Atelier. In ein paar Tagen steht der Kurztrip nach Peking an, dann eine Skandinavientour mit den Chicks On Speed, deren neues Album Ende Mai erscheint. "Und was hast du noch vor?", fragt sie interessiert. "Du hast frei? Frei ist gut", grinst sie und stakst in bunten Stiefeletten los.
Hanna Klimpe, 24, ist freie Autorin in Hamburg. Die Formulierung "lustiger Kritizismus" hat sie in ihr Alltagsvokabular aufgenommen. Mit Melissa Logan war sie Mittagessen im: Man Wah, Spielbudenplatz 18, St. Pauli, Tel. 319 25 11, tgl. 12-3 Uhr, HG 5,50-22 Euro, EC/AE/MC/V,NR
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