Zentrum ohne Identität
Brüssel
Tagsüber sieht Brüssel aus, als wäre die Stadt ihren Bewohnern egal. Nachts geht es bunt und schrill zu. PRINZ hat ein Wochenende mitgefeiert.
Es gibt Städte, deren Schönheit einen vom ersten Moment an gefangen nimmt, und andere, die den Charme eines Baumarktes ausstrahlen. Brüssel ist beides. An manchen Stellen hat sich die Stadt zurechtgemacht, wie etwa an der Grande Place mit ihren barocken Gildehäusern. Direkt vor dem Europaparlament hingegen bröckelt die Fassade von den Häusern. Macht demonstriert das Zentrum Europas nicht unbedingt, eher entspannte Lässigkeit. Man nimmt sich selbst nicht so ernst, verehrt die kleine pinkelnde Statue Manneken Pis und isst fettige Pommes. Vorteil der Unvollkommenheit: Sie lässt viel Freiraum, sich die Stadt nach seinen Wünschen zu gestalten. Das funktioniert vor allem im Nachtleben, das hier besonders experimentell und abwechslungsreich ist.
Im Goupil Le Fol, einer schummrigen Bar über mehrere Etagen in einem ehemaligen Bordell, hängt ein altes Klavier unter der Decke, Aktporträts und Schallplatten zieren die Wände. Je höher man über die schmalen Treppen nach oben steigt, umso intimer wird die Atmosphäre. Freunde sitzen eng beieinander, Pärchen knutschen ohne Hemmungen. "Chaotisch schön ist es hier, wie auch der Rest von Brüssel", sagt Fotograf Dimitri, der tief in einem der alten Sofas versinkt. "Ich mag an meiner Stadt, dass hier nicht alles so offensichtlich ist. Man kann viel entdecken." Zum Beispiel neue Bands bei der "Jeudi Bar", die jeden Donnerstag in einem alten Fabrikgebäude in einem Industriegebiet stattfindet. Vor dem Eingang brennt Feuer in einer Tonne, ein Hund trottet uns entgegen. Auf der Bühne üben sich zwei Musiker in Freestyle-Jazz, im Publikum gehen Joints herum. HipHop, Reggae oder Rock - jede Woche spielt eine andere Nachwuchsband. Miete für das Gebäude müssen die Veranstalter nicht zahlen, die Stadt stellt es ihnen kostenlos zur Verfügung. "Der Bürgermeister findet es gut, dass wir ein bisschen Leben in die Gegend bringen", erzählt Mitorganisator Francisco.
Die gleiche Stadt, eine andere Welt: In Ralph's Bar an der Place de Luxembourg gegenüber dem EU-Parlament herrscht Après-Ski-Atmosphäre, es fehlen nur die bunten Schneeanzüge. Betrunkene EU-Mitarbeiter in Tweedmänteln und gewienerten Schuhen prosten einander mit Duvel-Bier zu. Die Kanadier Steve und Toby versuchen über ihr Bier hinweg Blickkontakt mit Frauen aufzunehmen. Steve sagt: "Brüssel ist wie eine Universitätsstadt für über 30-Jährige." Am nächsten Morgen zeigt sich die Stadt sich in Katerstimmung - trist und unaufgeräumt. Ein obszön großer Justizpalast hier, ein paar abbruchreife Häuser da, ein gläserner Büroturm dort. Am Hauptbahnhof hängen die Stromkabel aus der Decke, auf den Gehwegen fehlen die Pflastersteine. Perfekt sind allein die teuren Pralinen in den Schaufenstern von Godiva und Neuhaus. Jede Straße scheint in eine andere Welt zu führen. In den engen Gassen des Zentrums fühlt man sich ins Mittelalter zurückversetzt, das Viertel Les Marolles mit seinen Jugendstilhäusern erinnert an Wien.
Warum hat Brüssels Seele keine eigene Identität? Finden Sie's heraus auf der nächsten Seite. Außerdem: Alle Tipps und Adressen zu Brüssel im Überblick!



