Szenen einer Punkrock-Ehe
Die Ärzte im Interview
Ihr neues Album "auch" zeigt: Die Ärzte sind ein ewiges Dream-Team. In PRINZ erklären Farin und Bela das Rezept ihrer Freundschaft.
PRINZ: Erinnert ihr euch, wann ihr euch zum ersten Mal getroffen habt?
Farin: 1980, Ballhaus Spandau. Dort haben wir uns das erste, zweite und dritte Mal getroffen.
Bela: Da war Disco und dienstags und mittwochs lief dort immer ein Block mit einer Stunde Punkrock. Der endete jedes Mal mit "In The Air Tonight" von Phil Collins. Und bei dem Lied kamen wir ins Gespräch. Der Bassist von meiner Band Soilent Grün und ich fanden Jan total sympathisch, und schon beim ersten Treffen haben wir gefragt, ob er eine Gitarre hat. Ja, hatte er ...
Farin: ... und einen Verstärker - was nicht selbstverständlich war!
PRINZ: Hattet ihr jemals voneinander so richtig die Schnauze voll?
Bela: Damals schon! (lacht) Bei Soilent Grün hatten wir ein Interview mit einem Fanzine, dem "Hirtenbrief", danach haben wir uns geprügelt, weil dem einen irgendwas nicht gepasst hat, was der andere gesagt hat. Und dann gab es vor der Tür ein Wortgefecht und ein paar Tritte. Das war ziemlich doof, weil ich danach bei ihm übernachtet habe. Nach dem Interview sind wir zusammen die elend lange Strecke nach Hause gefahren, stumm nebeneinander. Das war die einzige richtige Schlägerei.
PRINZ: Das war alles, in 32 Jahren?
Bela: Es gab noch eine lustige Schlägerei auf der Bühne, weil ich sauer war wegen ein paar Sachen, die er ins Publikum gerufen hat. Man muss dazu aber sagen, dass wir immer mit einer viehischen Lautstärke gespielt haben und ich manche Sachen auf der Bühne einfach nicht verstanden habe. Ich dachte, da werden Witze auf meine Kosten gemacht, und war sauer. Und er war sauer, weil ich mich der Bühnenshow verweigert habe. Als ich in der Pause dann einen Schluck Jack Daniels trinken wollte, hat er mir die Flasche aus der Hand geschlagen. Und als wir dann zur Zugabe wieder auf die Bühne gegangen sind, bin ich auf der Bühne einfach zu ihm rüber und habe vor Publikum seinen Tee ausgegossen. Seine Thermoskanne wollte ich dann doch nicht kaputt machen, er hatte nur eine auf Tour dabei - und ich hatte auch Angst, dass sie nicht gleich beim ersten Versuch kaputt geht. Er musste lachen und damit war die Sache geklärt.
Farin: Das war wie bei den Streitszenen zwischen Asterix und Obelix, mit Idefix in der Mitte. Andererseits sind wir auch Blutsbrüder.
PRINZ: Sagen sich Blutsbrüder die Wahrheit, selbst wenn sie unangenehm ist?
Bela: Klar. Farin hatte King Køng gegründet, und ich hatte ein Interview gesehen. Die hatten eine eigene Tournee-Sprache entwickelt ...
Farin: ... unseren eigenen Soziolekt ...
Bela: ... einen eigenen Code, den hat kein Mensch verstanden.
Farin: Und dann hat er mich angerufen und gesagt, dass wir total unsympathisch rüberkommen.
Bela: Das war aber ein freundschaftlicher Akt!
PRINZ: Wie hast du das aufgenommen?
Farin: Zuerst war ich schockiert. Nachdem ich das aber habe sacken lassen, konnte ich seinen Einwand einsehen.
Bela: Und ich muss ich mich heute noch entschuldigen für das Passiv-Rauchen, das ich Farin als Nichtraucher zugemutet habe. Wie hart das ist, kriege ich heute erst mit, wenn ich zwangsweise in Raucherkneipen gehen muss. Meine Herren!
Farin: Ich weiß noch, wie er mal mit einer Zigarre in meinen Backstage-Raum kam - in meinen Raum! Ich dachte, ich muss ausflippen.
Bela: Ich kann mich noch genau erinnern, ich trug Anzug, Hawaiihemd und Cowboyhut und hatte schon ganz vergessen, dass ich die Zigarre im Mund habe. Und ich bin in seinen Backstage-Raum rein, nur um etwas rauszuholen - du warst gar nicht drin - und plötzlich kommst er: "Sag mal, hast Du 'ne Macke?!?".
PRINZ: Streitet ihr heute anders als früher?
Farin: Wann haben wir uns das letzte Mal richtig gestritten? Doch, einmal während der Aufnahmen von "auch" war ich echt sauer: (zu Bela:) Da hast du dich im Ton vergriffen, aus meiner Sicht.
Bela: Und du dich auch. Aus meiner Sicht. (lacht). Total überzogen. Aber das haben wir direkt danach geklärt.
Farin: Die Phase des Beleidigt-Seins dauert nicht mehr eine Woche, sondern nur eine Minute.
PRINZ: Mit den Jahren kommt oft auch die Nachsicht. Nehmt ihr euch heute weniger ernst als früher?
Farin: Im Gegenteil, wir respektieren uns viel mehr! Dazu hat die Zeit, als wir unsere eigenen Bands Depp Jones und King Køng hatten, mit Sicherheit viel beigetragen. Wir haben gemerkt, da gibt es etwas zwischen uns, das ist so speziell, dass es auch nur in dieser Kombination von uns beiden funktioniert.
Bela: Ja. Das hat er mir 1993 auch in einem Brief geschrieben. Und danach haben wir Die Ärzte wieder ins Leben gerufen.
PRINZ: Das kann aber auch ganz schön ernüchternd sein, wenn man erkennt, dass man allein niemals so gut und besonders ist wie mit dem anderen.
Farin: Nee, das hat eher was mit der Frage zu tun: Warum bin ich Punker geworden? Jedenfalls nicht, weil mir die Frisur so gut stand - sondern weil ich mich nirgends dazu gehörig gefühlt habe. Und beim Punk haben sich alle zusammengefunden, die sich so ähnlich fühlten. (zu Bela:) Und dann treffe ich die Pocke hier, und ich muss nichts mehr erklären. Das ist total großartig. Bis heute.
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